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Nachhaltig einkaufen nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip in der öffentlichen Beschaffung

Im Rahmen einer aktuell laufenden Fallstudienanalyse der Universität der Bundeswehr München konnten bisher sechs öffentliche Einkäufer für Reinigungsmittel und Reinigungsdienste zur Einführung einer ökologisch nachhaltigen Beschaffung befragt werden. Vier der Befragten arbeiten bisher insbesondere mit Eco-Labels, allen voran der „Blaue Engel“. Allerdings bescheinigen die meisten der verwendeten Eco-Labels nur, dass das Produkt weniger umweltschädliche Materialien beinhaltet oder mit weniger Ressourcenverbrauch hergestellt wurde und somit unterm Strich weniger negative Umweltauswirkungen nach sich zieht. Das allein reicht jedoch noch nicht aus, damit ein Produkt wirklich ökologisch nachhaltig ist. Denn um es mit den Worten des Chemikers Michael Braungart auszudrücken: „Weniger schlecht ist nicht gut“.

Deshalb hat dieser mit dem US-amerikanischen Architekten William McDonough das Cradle-to-Cradle-Prinzip entwickelt. Bei diesem innovativen Konzept wird Nachhaltigkeit ganzheitlich betrachtet, sodass negative Umweltauswirkungen nicht nur einfach verringert, sondern komplett vermieden werden sollen.

Weiterführende Informationen zur Problematik der ganzheitlichen Nachhaltigkeit von Umweltsiegeln finden Sie auch in unserem Beitrag „Welches Umweltlabel ist wirklich nachhaltig“.

Was bedeutet Cradle-to-Cradle?

Die Idee nimmt sich die Natur zum Vorbild und basiert auf zyklischen Nährstoffkreisläufen, die keine Abfälle erzeugen. Das bedeutet, dass die verwendeten Materialien entweder in einem biologischen Kreislauf bleiben und nach Gebrauch biologisch abgebaut werden können oder in einem technischen Kreislauf verbleiben und dabei ohne Wertverlust wiederverwendet werden können.[2] Daher auch der Name Cradle-to-Cradle (C2C), übersetzt: von der Wiege zur Wiege. Alle bleibt im Kreislauf und es entstehen keine Abfälle im herkömmlichen Sinne. Stattdessen wird Abfall vielmehr zu einer wertvollen Ressource.

Dieses innovative Kreislaufsystem steht dem sonst üblichen linearen Wirtschaftsprinzip des Cradle-to-Grave, übersetzt: von der Wiege zur Bahre, gegenüber. Bei diesem werden Konsumgüter nach dem Gebrauch weggeworfen und dann verbrannt oder mit hohem Materialwertverlust für ein Produkt mit geringerer Qualität verwendet. Letzteres wird auch als „downcycling“ bezeichnet. Problematisch dabei ist, dass die Qualität bei dieser Form des Recyclings von Mal zu Mal sinkt und deshalb zum einen weitere Primärrohstoffe mit hohem Aufwand hinzugefügt werden müssen und die Wiederaufbereitungsmöglichkeiten zum anderen auch nur begrenzt möglich sind. Das heißt: Der Kreislauf endet hier meist sehr früh.

Auf diese Weise beträgt die jährliche Entnahme natürlicher Ressourcen weltweit etwa 60 Mrd. Tonnen. Einer Rechnung von Braungart zufolge entspricht dies einem Ressourcenabbau von 112 Empire State Buildings pro Tag. Auf diese Weise würden etwa ab dem Jahr 2035 zwei Planeten benötigt, um den Bedarf an Ressourcen weiterhin decken zu können.[3] Dem kann mit dem nachhaltigen Einkaufen nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip entgegengewirkt werden.

Die Cradle-to-Cradle-Zertifizierung für umfassende Nachhaltigkeit

Anbieter, die ihre Produkte nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip herstellen, können diese entsprechend zertifizieren lassen. Das Cradle-to-Cradle-Siegel betrachtet dabei fünf Nachhaltigkeitsaspekte:

  1. die Materialgesundheit bzw. die Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt
  2. die Möglichkeiten der Wiederverwendung des Materials
  3. den Einsatz erneuerbarer Energien bzw. den Energieverbrauch als Ganzes
  4. den verantwortungsvollen Umgang mit Wasser
  5. die soziale Verantwortung.

Im Gegensatz zu anderen Ökosiegeln verfolgt das Cradle-to-Cradle-Siegel also einen ganzheitlichen Ansatz bei der Bewertung von Produkten und Herstellungsprozessen.[4]

Die Zertifizierung „Cradle to Cradle CertifiedCM“ gibt es in fünf verschiedenen Stufen (Basic – Bronze – Silber – Gold – Platin). Sie ist zwei Jahre gültig und wird vom Cradle to Cradle Products Innovation Institute (C2CPII) in Kalifornien/USA vergeben, der von Michael Braungart gegründeten Organisation für Normung und Zertifizierung von Cradle-to-Cradle-Produkten.[5] Eine Produktliste von nach C2C-zertifizierten Materialien (aktuell 600 Zertifizierungen) findet man beim Cradle to Cradle Products Innovation Institute: www.c2ccertified.org/products/registry

Wie sich nachhaltiger Einkauf nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip umsetzen lässt

Nach dem Vergaberecht ist es unabhängig vom Auftragswert grundsätzlich möglich, im Vergabeverfahren Anforderungen an die Nachhaltigkeit von Gütern und Dienstleistungen zu stellen. So lassen sich neben dem Preis auch soziale und umweltbezogene Aspekte als Zuschlagskriterien festlegen (§ 58 Abs. 2 Satz 1 (VgV), § 67 VgV, § 43 Abs. 2 (UVgO)). Voraussetzung dafür ist lediglich, dass die Grundsätze der Gleichbehandlung, Transparenz, der Niederlassungsfreiheit, des freien Warenverkehrs und des freien Dienstleistungsverkehrs eingehalten werden.

Außerdem müssen die Nachhaltigkeitsanforderungen an den Leistungsgegenstand Einfluss auf dessen Beschaffenheit haben. Das bedeutet, dass die Zuschlagskriterien mit dem Auftragsgegenstand in Verbindung stehen müssen (§ 127 Abs. 3 GWB).

Konkretes Vorgehen beim Einkaufen nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip

Ein Vorreiter bei der Umsetzung des Cradle-to-Cradle-Prinzips im öffentlichen Einkauf ist die Stadt Ludwigsburg. Diese hat folgenden Stufenplan zur Implementierung des Cradle-to-Cradle-Prinzips in der öffentlichen Beschaffung entwickelt, der seit Januar 2019 für sämtliche Bau-, Liefer- sowie Dienstleistungen bindend ist.[6] Nach diesem Vorbild ist das Einkaufen nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip in folgenden Schritten durchführbar:

  1. Vor der Beschaffung sollte überprüft werden, ob ggf. alte Produkte weiterverwendet oder überarbeitet bzw. nachgerüstet werden könnten.
  2. Im nächsten Schritt sollte eine Marktrecherche ermitteln, ob Produkte oder Dienstleistungen verfügbar sind, welche über eine Cradle-to-Cradle-Zertifizierung verfügen. Sollte dies nicht der Fall sein, muss erwogen werden, welche nachhaltigen Produkteigenschaften oder Zertifizierungen stattdessen als Mindestkriterien gefordert werden sollen.
  3. Nach der Recherche kann entschieden werden, welche der gewünschten Kriterien als Mindestkriterien und/oder Zuschlagskriterien verwendet werden sollen. Werden die Nachhaltigkeitskriterien von mehreren Bietern erfüllt, können diese als Mindestkriterien in der Ausschreibung definiert werden. Ist dies nicht der Fall, lassen sich die gewünschten Kriterien als Zuschlagskriterien definieren.
  4. Die definierten Mindest- und Zuschlagskriterien werden in die Leistungsbeschreibung aufgenommen. Hier kann das Cradle-to-Cradle-Siegel mit dem Zusatz „oder gleichwertig“ als Mindestkriterium oder Zuschlagskriterium integriert werden. Darüber hinaus ist es auch möglich, die definierten Nachhaltigkeitskriterien als Mindestkriterien in die Vertragsbedingungen zur Auftragsausführung aufzunehmen.
  5. Die Cradle-to-Cradle-Aspekte zur Materialgesundheit, Kreislauffähigkeit, Energiemanagement, Wasserhaushalt und sozialen Verantwortung können als Zuschlagskriterien in der Bewertungsmatrix eingegliedert werden. Sind diese Aspekte jedoch bereits als Mindestkriterien definiert, entfällt deren Gewichtung bei den Zuschlagskriterien. Zudem können Nachweise der technischen Leistungsfähigkeit, bspw. in Form des EMAS-Zertifikats im Rahmen der Bietereignung eingefordert werden.
  6. Bei der Angebotsauswertung können Bieter, die bestrebt sind, nachhaltig zu agieren, durch die differenzierte Wertungsmethode eine höhere Punktzahl erreichen und damit höhere Preise kompensieren.

Auf diese Weise haben Vorreiter unter den Bieterunternehmen echte Chancen auf den Zuschlag und Anreize für eine nachhaltige Produktion bzw. Dienstleistung. Nach diesem Vorbild ist es das nachhaltige Einkaufen nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip für öffentliche Vergabestellen gut umsetzbar.


[1] Braungart, M. (2014). Cradle to Cradle: Ressourceneffektive Produktion. In: Neugebauer, R. (Hrsg.). Handbuch Ressourcenorientierte Produktion. Carl-Hanser-Verlag, S. 141-149

[2] Braungart, M. (2014). Cradle to Cradle: Ressourceneffektive Produktion. In: Neugebauer, R. (Hrsg.). Handbuch Ressourcenorientierte Produktion. Carl-Hanser-Verlag, S. 141-149

[3] Braungart, M. (2014). Cradle to Cradle: Ressourceneffektive Produktion. In: Neugebauer, R. (Hrsg.). Handbuch Ressourcenorientierte Produktion. Carl-Hanser-Verlag, S. 141-149

[4] Cradle to Cradle Products Innovation Institute. What is Cradle to Cradle Certified™? Link: https://www.c2ccertified.org/ (abgerufen am 14.08.2020).

[5] Kompetenzstelle für nachhaltige Beschaffung (2014). Kennen Sie „Cradle to Cradle“? Link: http://www.nachhaltige-beschaffung.info/SharedDocs/Kurzmeldungen/DE/2014/140616_Cradletocradle.html (Abgerufen am 14.08.2020)

[6] Stadt Ludwigsburg (2018). Dienstanweisung der Stadt Ludwigsburg zur nachhaltigen Beschaffung. Link: https://www.kompass-nachhaltigkeit.de/fileadmin/user_upload/KK-Dokumente/Ludwigsburg_Dienstanweisung_Nachhaltige_Beschaffung_2018-04-01.pdf (Abgerufen am 14.08.2020)