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Erkenntnisse und Denkanstöße von der dritten Etappe des Cradle to Cradle Congress 2021

Zum dritten Mal in diesem Jahr lud die Cradle to Cradle NGO ein – zum Informieren, Diskutieren und Netzwerken zum Thema Kreislaufwirtschaft. Nachdem die zweite Etappe aufgrund der Kontaktbeschränkungen in den digitalen Raum verlegt worden war, kamen in Mönchengladbach rund 150 Teilnehmer aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft noch einmal zum persönlichen Austausch zusammen. 200 weitere Teilnehmer verfolgten die Veranstaltung im Livestream. Im Fokus diesmal: Urban Future und kommunale Entwicklung nach Cradle to Cradle.

Cradle to Cradle als Nachhaltigkeitsinstrument für urbane Räume

„Wir brauchen die fünfte industrielle Revolution in Form einer zirkulären Wirtschaft“, so fasste Andreas Mucke, früherer Oberbürgermeister von Wuppertal und Geschäftsführer des Circular Economy Accelerators, die Herausforderung gleich im ersten Panel zusammen.

Denn die Art wie wir bauen, wohnen und arbeiten hat immense Auswirkungen auf unseren Ressourcenverbrauch. Allein der Bedarf an Wohn- und Arbeitsraum beansprucht in Deutschland bereits 90 % der inländischen Rohstoffentnahmen. Ein radikales Umdenken in Richtung zukunftsfähiger Ansätze ist also dringend notwendig.

Marktmacht der öffentlichen Hand und die Lücke zwischen Theorie und Praxis

Bei diesem Umdenken spielt die öffentliche Hand eine Schlüsselrolle, wie Xiaoming Bai, Internationaler Marketingdirektorder Werner & Mertz Tochter Tana-Chemie, in seinem Beitrag verdeutlichte: Mit über 370 Milliarden Euro, die hier jährlich verausgabt werden, verfügen öffentliche Einrichtungen über eine beachtliche Marktmacht. Allein 500 Millionen Euro werden pro Jahr in Reinigungsmittel und -leistungen investiert. Ein Thema, das uns alle betrifft, denn die Verwendung (nicht) nachhaltiger Reinigungsprodukte hat umweltrelevante Konsequenzen weit über die jeweilige Einrichtung hinaus – bis hin zur Gesundheit unserer Ökosysteme und unserer selbst.

Wie daraus „eine saubere Sache“ für Mensch und Umwelt werden kann, zeigten Xiaoming Bai und Univ.-Prof. Dr. Eßig, Inhaber der Professur für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre (insbes. Beschaffung und Supply Management) an der Universität der Bundeswehr München (UniBw M), in ihrem Impulsvortrag. In Kooperation mit dem Öko-Pionier Werner & Mertz führte die UniBw M eine Analyse der Ausschreibungsunterlagen von über 160 Vergabeverfahren durch. Diese belegte: Während Nachhaltigkeit im öffentlichen Diskurs längst verankert ist, hapert es nach wie vor bei der konkreten Umsetzung in der öffentlichen Beschaffung.

Nachhaltige Anbieter mit konsequent umgesetzten Recycling- und Müllvermeidungsstrategien erhalten nur selten den Zuschlag für Anschaffungen von Reinigungsmitteln im Großformat. Zwar finden sich Erwähnungen von Nachhaltigkeit in den Vergabeunterlagen der meisten Auftraggeber – aber nur in 2 % der Fälle als konkrete Zuschlagskriterien.

Wie Prof. Dr. Eßig ausführte, liegt das weniger am fehlenden Willen der Auftraggeber, als vielmehr am fehlenden Wissen, wie Nachhaltigkeitskriterien vergaberechtlich korrekt integriert und gewichtet werden können. Zu oft noch werde der rein ökonomischen Wirtschaftlichkeit die stärkste Gewichtung gegeben – und dabei die „unsichtbaren“ Folgekosten außer Acht gelassen.

Konsequenzen der Inkonsequenz

Eine verheerende Kurzsichtigkeit, denn selbst Reinigungsmittel und Verpackungen mit staatlich anerkanntem Ecolabel oder etwa dem „Blauen Engel“ werden häufig auf Basis fossiler Rohstoffe hergestellt und sind daher nicht biologisch abbaubar. Das führt unter anderem zu Grundwasserverseuchung, zu Mikroplastikverschmutzungen und weiteren Umweltbelastungen, die sich immer öfter in Extremwetterereignissen und dem Zusammenbruch ganzer Ökosysteme niederschlagen. Xiaoming Bai betonte: Alleinig auf Wirtschaftswachstum zu setzen, ist längst nicht mehr angebracht. Um der nachfolgenden Generation, die für ihr Recht auf eine Zukunft auf die Straße gehen muss, gerecht zu werden, muss man sie auch in Beschaffungsprozessen von heute mit bedenken. Das bedeute konkret, Wirtschaftsaktivität dahin zu lenken, dass sie statt einer negativen eine neutrale bzw. sogar positive Umweltbilanz erzielt.

Lösungen und Hilfestellungen

Dafür liefert das Cradle to Cradle Prinzip wichtige Lösungsansätze, die bei Tana-Chemie bereits seit Jahrzehnten gelebte Praxis sind: Statt erdölbasierter Ressourcen verwendet der Reinigungsmittelhersteller mit seiner Ökomarke Green Care Professional

 nachwachsende pflanzliche Rohstoffe, die biologisch vollständig abbaubar sind. Die Verpackungen werden zu 100 % aus Recyclat produziert – und das ausschließlich mithilfe von erneuerbarer Energie. Mit über 50 Cradle to Cradle zertifizierten Produkten ist die Werner & Mertz Tochter damit weltweit auf Spitzenposition.

Und auch das Vergaberecht räumt den Einkäufern bereits große Freiheiten ein, um Nachhaltigkeitskriterien zuschlagsrelevant zu machen und so den Wettbewerb zukunftsfähig zu gestalten.

Aus diesen Erkenntnissen heraus entwickelten die Vergabeexperten der UniBw M ein Praxistool für öffentliche Einkäufer: Der „N-O-Mat“ führt schrittweise durch den Beschaffungsprozess für Reinigungsmittel und -leistungen.

Der verantwortungsvolle Umgang mit Ressourcen und die Müllvermeidung bilden dabei feste Bausteine der Vergabekriterien, sodass nachhaltige Anbieter konventionell agierenden Konkurrenten qualitativ gegenübergestellt werden können.

Das Tool konnte auf dem Kongress bereits in der Beta-Version vorgestellt werden. Um es im Dialog mit den tatsächlichen Anwendern zu verfeinern, sind alle Interessierten eingeladen, es zu testen und ihr Feedback dazu zu geben. Die endgültige Version soll Anfang kommenden Jahres zur Verfügung stehen – natürlich auch auf dieser Plattform.

Senden Sie Ihre Rückmeldungen zu Ihrer Anwender-Erfahrung, Anregungen und Kritik gerne an: alessa.kozuch@unibw.de