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Was kann effektive Kreislaufwirtschaft in der Ressourcen- und Klimakrise für uns tun?

Ein Interview mit Dr. Michael Jedelhauser, dem Referenten für Kreislaufwirtschaft des NABU

Vergabe-Insider: Herr Dr. Jedelhauser, was genau ist als Referent für Kreislaufwirtschaft Ihre Aufgabe beim NABU?

Jedelhauser: Der NABU setzt sich im Bereich der Kreislaufwirtschaft für eine Transformation zu einer ressourcenschonenden Wirtschaft und einem nachhaltigen Konsum ein. Als Referent für Kreislaufwirtschaft arbeite ich daran, dieses Thema sowohl in die Öffentlichkeit als auch in die Politik zu tragen. Meine Aufgabenfelder umfassen etwa die Beteiligung an Gesetzgebungsverfahren, politische Lobbyarbeit, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sowie den Austausch mit Unternehmen. Wir veröffentlichen Studien, in jüngerer Vergangenheit beispielsweise zu Verpackungsabfällen, Recycling oder Mikroplastik, und führen Fachveranstaltungen in Berlin und online durch. Auch informieren wir unsere mehr als 875.000 NABU-Mitglieder und Fördernde über unsere Verbandskanäle.

Vergabe-Insider: Welche Bedeutung hat die Umsetzung konsequenter Kreislaufwirtschaft Ihrer Meinung nach für effektiven Ressourcen- und Klimaschutz? Und finden Sie, dass der aktuelle Koalitionsvertrag dem gerecht wird?

Jedelhauser: Mit dem Klimawandel und dem gleichzeitig stattfindenden globalen Biodiversitätsverlust befinden wir uns in einer fundamentalen ökologischen Doppelkrise. Diese ist mittlerweile nicht mehr Bestandteil wissenschaftlicher Szenarien, sondern in unserem Alltag in Deutschland ganz unmittelbar erfahrbar. Ein Treiber dieser Krise ist die Art und Weise, wie wir mit Rohstoffen umgehen. Die Gewinnung und Verarbeitung von Rohstoffen sind für knapp die Hälfte der globalen CO2-Emissionen und für über 90 % der Biodiversitätsverluste und des Wasserstresses verantwortlich.

Die Kreislaufwirtschaft stellt einen Ansatz dar, um die Treibhausgasemissionen sowie den Druck auf unsere Naturräume zu reduzieren. Ganz entscheidend ist für uns jedoch, dass wir unser Verständnis von Kreislaufwirtschaft nicht allein auf das Recycling begrenzen. Denn wir können nur einen Teil unseres Rohstoffhungers mit dem Recycling von Abfällen stillen. Wir brauchen zusätzlich Strategien, um insgesamt weniger Rohstoffe zu verbrauchen und weniger Abfälle zu erzeugen. Dies muss eine progressive Kreislaufwirtschaftspolitik berücksichtigen.

Die aktuelle Bundesregierung hat im Bereich der Kreislaufwirtschaft sicherlich den bislang ambitioniertesten Koalitionsvertrag vorgelegt. In Form einer Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie soll das Thema eine allgemein größere Bedeutung erhalten – mit dem Ziel, den primären Rohstoffverbrauch Deutschlands zu senken. Zusätzlich soll es etwa verbindliche gesetzliche Vorgaben für die Abfallvermeidung und den Einsatz von Recycling-Materialien sowie Mindestquoten für klimafreundliche Produkte in der öffentlichen Beschaffung geben. Doch auf die Umsetzung kommt es an! Am Ende wird die Arbeit der Regierung nicht daran gemessen, was sie plant, sondern daran, was sie durchsetzt.

Vergabe-Insider: Welche konkreten Erwartungen haben Sie an die Bundesregierung und wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund die aktuelle Arbeit der Bundesregierung?

Jedelhauser: Die Bundesregierung muss die Kreislaufwirtschaft als wirtschaftspolitisch ganzheitliches Thema erkennen. Es ist unstrittig, dass es im Bereich der Abfallsammlung und -verwertung weiterhin Verbesserungsbedarf gibt und die Recyclinginfrastruktur deutlich ausgebaut werden muss. Hierfür braucht es entsprechende politische Rahmenbedingungen. Jedoch beginnt eine umfassende Kreislaufwirtschaftspolitik bereits beim Design und der Herstellung von Produkten. Die Produzenten müssen stärker in die Pflicht genommen werden, langlebige, reparierbare und recyclingfähige Produkte herzustellen und Recycling-Materialien einzusetzen. Meine Erwartung an die Bundesregierung ist daher, dass sie die Idee der Kreislaufwirtschaft auf die gesamte Wertschöpfungskette bezieht, das produzierende Gewerbe adressiert und kreislauforientierte Produkte zum neuen Normal macht. Geschäftsmodelle, die nicht nur am Verkauf, sondern auch am Werterhalt von Produkten interessiert sind, müssen sich lohnen.

Erste Schritte der Gesetzgeber in Berlin und Brüssel geben Grund zur Hoffnung. Die EU-Kommission plant beispielsweise ein gesetzlich verankertes Recht auf Reparatur, um die immensen Abfallmengen bei Elektrogeräten zu reduzieren. Auch wird es Vorgaben für das Produktdesign von Batterien sowie für Verpackungen geben. Es zeigt sich jedoch, dass derzeit eine Vielzahl der Initiativen auf europäischer Ebene deutlich hinter dem ursprünglich angedachten Zeitplan liegen. Die Umsetzung kommt schleppend voran und der Lobbydruck vonseiten rückwärtsgewandter Unternehmen gegen allzu strikte Produktvorgaben ist groß.

Die Bundesregierung sollte daher nicht nur auf die Vorgaben aus Brüssel warten, sondern dort, wo es rechtlich möglich ist, auch selbst vorangehen. So könnte sie sogenannte Rezyklat-Einsatzquoten festlegen. Das bedeutet, dass gesetzlich vorgeschrieben wird, wie viel Prozent Recycling-Material in einem Produkt mindestens eingesetzt werden muss. Denkbar ist dieses Instrument beispielsweise für ausgewählte Kunststoffprodukte, denn wir haben dort das Problem, dass die Nachfrage nach Recycling-Kunststoffen in direkter Abhängigkeit zum Erdölpreis steht. Je niedriger dieser ist, desto günstiger ist Kunststoff-Neumaterial und desto weniger sind somit die Recycling-Kunststoffe gefragt. Eine verbindliche Vorgabe für den Einsatz der Recycling-Rohstoffe könnte dieses Problem lösen.

Der Gesetzgeber muss den Mut aufbringen, auch vermeintlich unpopuläre Entscheidungen zu treffen, um Unternehmen zu mehr Kreislaufwirtschaft zu bewegen bzw. zu zwingen. Denn ein „Weiter so“ können wir uns angesichts der ökologischen Krisen sowie fragiler Lieferketten nicht mehr leisten.

Vergabe-Insider: Sowohl die Corona-Pandemie als auch die aktuelle Situation in der Ukraine hatten massive Auswirkungen auf globale Lieferketten und auf die Rohstoffversorgung Deutschlands. Das hat auch die Abhängigkeit Deutschlands von Rohstoffimporten nochmal sehr deutlich gemacht. Welches Potenzial für nachhaltigere Ansätze sehen Sie hier in der Kreislaufwirtschaft?

Jedelhauser: Recycling kann nicht nur einen Beitrag zu Klima- und Naturschutz leisten, sondern auch helfen, unsere Rohstoffversorgung zu diversifizieren und somit krisenfester zu gestalten. Dies gilt insbesondere für Rohstoffe, bei denen wir stark von Importen abhängig sind, beispielsweise Kobalt zur Herstellung von Handyakkus, seltene Erden für Windkraftanlagen oder Erdöl und -gas für die Kunststoffproduktion. Je stärker die heimische Recycling-Wirtschaft, desto geringer die Anfälligkeit gegenüber Erschütterungen der globalen Rohstofflieferketten.

Klar ist aber auch: Wir werden uns aus diesen Krisen nicht einfach „herausrecyceln“ können. Selbst wenn wir von heute auf morgen alle Abfälle, die jährlich in Deutschland anfallen, vollständig recyceln würden, ließe sich nur ein Teil unseres Rohstoffbedarfs mit den Recycling-Materialien decken. Wir müssen daher den Umgang mit unseren Rohstoffen insgesamt verändern, also weniger Ressourcen verschwenden und Abfälle minimieren.

Die aktuelle Krise der Rohstoffversorgung und Lieferketten verpflichtet uns nicht nur, mit den akuten Krisensymptomen umzugehen, die Preissteigerungen einzudämmen und gut durch den Winter zu kommen. Sie verpflichtet uns auch, die große ökologische Doppelkrise – Klima- und Naturkrise – endlich mit voller Kraft anzugehen. Denn diese Krise wird bleiben und uns auf Jahre und Jahrzehnte hinaus im Griff haben.